Schnitzeljagd der Lüfte - LSV Roßfeld beim 60. Allgäuflug
Wenn ein Segelflugverein mit Motorsegler und UL plötzlich mitten in einer internationalen Navigations-Rallye steht, ist Spaß vorprogrammiert: Beim 60. Internationalen Allgäuflug in Leutkirch haben wir vom LSV Roßfeld mit unserer C42 und einer FK9 gezeigt, dass Präzision, Campingromantik und viel Gelächter hervorragend zusammenpassen.
Crew, Flieger und "Bodenpersonal"
Für den LSV Roßfeld sind wir mit der D-MOGA, unserer C42, angetreten: Wolfgang als Pilot im Wettbewerb, ich als Navigator, bei An- und Abreise haben wir die Rollen getauscht und ich durfte die MOGA fliegen.
Mit dabei war außerdem Thomas mit seiner FK9 D-MCKP, die normalerweise in Hülben stationiert ist. Er flog den Wettbewerb als Pilot, seine Freundin Gaby war Navigatorin.
Als heimlicher Joker im Team erwies sich meine Tochter Mia: Sie reiste mit Gaby im Wohnmobil an, organisierte vor Ort alles, was nicht fliegt, und durfte auf dem Rückweg in der FK9 mit nach Hause fliegen.
Übernachtet wurde stilecht: Drei Wurfzelte wurden für zwei Nächte kurzerhand zum "Hotel Roßfeld" erklärt; maximal kurze Aufbauzeit, maximaler Camping-Charme. Nur Hartmut hatte es komfortabler: Er reiste am Samstag als Tagesgast an, um in einem Motorsegler als Navigator zu unterstützen.
Anreise mit Regenrennen
Für den Freitag waren Schauer angekündigt, aber am Vormittag öffnete sich ein gut nutzbares Wetterfenster mit brauchbarer Basis und ordentlicher Sicht. Wir starteten kurz nach 08:00 Uhr Richtung Leutkirch, Thomas mit der FK9 etwa eine Stunde vor uns.

Beim Anflug zeichnete sich westlich von Leutkirch ein Schauer ab, perfekte Gelegenheit für ein kleines "Rennen": Wer ist zuerst am Platz, wir oder der Regen? Wir gewannen knapp. Kaum waren wir auf dem zugewiesenen Abstellplatz und rollten aus, fing es an zu tröpfeln. Als wir den Motor abstellten, zog der Schauer richtig durch.
Mia, Gaby und Thomas rannten los, um uns zu begrüßen, und standen mitten im Guss. Wir dagegen blieben einfach noch drei Minuten trocken im Cockpit sitzen, bis der Schauer durchgezogen war und wir unsere inzwischen etwas durchnässten Empfangskomitees in Ruhe in den Arm nehmen konnten.

Vom Zeltplatz ins Briefing
Nach der Landung hieß es zuerst: Flugzeug sichern. Falls stärkere Böen durchziehen, werden die Flieger vorsichtshalber angebunden, auch das gehört bei solchen Veranstaltungen zur Routine.
Dann schulterten wir unser Gepäck und zogen zum Zeltplatz, wo wir unser Dreizimmer-Wurfzelt-Resort für die nächsten zwei Nächte aufbauten.

Anschließend ging es zum Check-in: Essensgutscheine für die beiden Abende, Getränke- und Kuchengutscheine, ein Fotokalender und als wichtigstes Arbeitsgerät ein GPS-Logger wanderten in unsere Hände.
Zwischendurch blieb genügend Zeit, um mit anderen Crews ins Gespräch zu kommen. Wie immer drehte sich alles um Fliegerei, Strecken, Maschinen und den besten Tipp gegen Nervosität im Wettbewerb.
Gegen Mittag folgte dann das offizielle Programm: Einweisung für Newcomer und Advanced, Briefing zum Rallye-Trainingsflug und Präzisionsflug; Pflichtprogramm für alle, die am Trainings-Wettbewerb teilnehmen wollten.
Trainingsflug: Papierkrieg im Cockpit
Wir starteten in der Newcomer-Klasse. Anders als die "Advanced-Profis" bekommen Newcomer den Kurs bereits komplett in eine hochaufgelöste Karte eingezeichnet, also keine eigene Streckenkonstruktion mit Geodreieck, dafür aber trotzdem jede Menge Arbeit.
Die Wendepunkte müssen sekundengenau überflogen werden, der zulässige seitliche Versatz ist überschaubar - wir trugen daher zu jedem Punkt die geplante Überflugzeit ein, markierten die Strecke mit Textmarker und machten für jede volle Minute kleine Striche an die Linie. So konnten wir im Flug Zeit und Position ständig abgleichen.

Zum Navigieren gehört aber mehr als nur Kurs und Zeit:
Zu jedem Wendepunkt gibt es ein Foto, das entweder genau diesen Punkt zeigt oder nur etwas Ähnliches. Unsere Aufgabe: Im Flug entscheiden, was passt, ohne zurückzufliegen, denn das gäbe Strafpunkte.
Zusätzlich erhielten wir für jeden Streckenabschnitt mehrere Bodenbilder ("Streckenbilder"), die irgendwo entlang der Route, maximal etwa 300 Meter neben der Linie, zu finden sind. Seen, Flüsse, Kirchen oder Kreisverkehre lassen sich auf der Karte noch recht gut vorplanen; ein Feldweg mit Baum dagegen kann gefühlt überall sein.

Die eine Stunde Planungszeit am Boden verging buchstäblich "wie im Flug". Kaum waren alle Zeiten eingetragen und die Bilder sortiert, ging es schon zum Flugzeug. Ab Startzeit wurde es ernst: Wolfgang flog hochpräzise, setzte jede meiner "5 km/h schneller"- oder "ein bisschen links"-Anweisungen souverän um, während ich versuchte, Handy-Uhr, Karte, Kurs, Fotos, Streckenbilder und Luftraumbeobachtung gleichzeitig zu jonglieren.
Multitasking im Cockpit ist hart: Man freut sich wie ein kleines Kind, wenn sich ein Streckenbild genau dort zeigt, wo man es erwartet, und versucht, Zweifel gar nicht erst aufkommen zu lassen. Ein falsch erkanntes Bild gibt mehr Strafpunkte als eins, das man lieber gar nicht einträgt.
Nur die blöde Handy-Uhr wollte nicht so wie wir: Sie schaltete sich ständig ab, natürlich genau dann, wenn die Zeitangabe am wichtigsten war. Hätte man vorher umstellen können, aber es war nun einmal unser allererster Wettbewerb.
Nach rund 1,5 Stunden hochkonzentriertem Flug setzten wir wieder in Leutkirch auf, gaben Logger und Lösungsbögen ab, tankten und stellten die C42 für die Nacht ab. Dann begann der gemütliche Teil des Abends, stilecht mit Flamm-Lachs und Kartoffelsalat.
Die Überraschung folgte bei der Siegerehrung des Trainingsflugs: Unter zwölf Newcomer-Teams belegten wir auf Anhieb den ersten Platz. Für einen Debüt-Start war das ein grandioser Motivationsschub.


Wettbewerbsfieber und Stimmung
Auffällig war, wie ernst viele Teams die Sache nahmen: Man sah angespannte Gesichter, konzentriertes Schweigen im Cockpit und am Abend eher erschöpfte Piloten als Plauderrunden.
Wir sind das Ganze deutlich entspannter angegangen, mit einem gesunden Respekt vor der Aufgabe, aber ohne verbissenen Tunnelblick. Das hat nicht nur der Laune, sondern offenbar auch dem Ergebnis gutgetan.
Besonders schön: Auch dem späteren Siegerteam des Wettbewerbs war anzusehen, dass der Spaß am Fliegen und am Messen der eigenen Fähigkeiten im Vordergrund stand.
Ich selbst fliege sonst gerne zu klassischen Fliegertreffen, dort ist die Atmosphäre oft lockerer, die Gespräche mit anderen Piloten kommen leichter in Gang. Ein bisschen mehr von dieser Fliegertreffen-Gelassenheit würde ich mir bei diesem Navigationswettbewerb zusätzlich zu allem sportlichen Ehrgeiz wünschen.
Der große Allgäuflug am Samstag
Nach einer Nacht im Zelt ging es am Samstag um 9:00 Uhr ins Briefing für den eigentlichen Allgäuflug. Zum 60. Jubiläum hatten sich die Organisatoren eine anspruchsvolle Aufgabe einfallen lassen: Zwei Abschnitte von jeweils etwa 90 Minuten waren zu fliegen, mit weniger eindeutigen Fotos und teils unsortierten Streckenbildern.
Statt "Brücke über Bundesstraße" oder "Kirche mit markantem Turm" dominierte nun die Kategorie "Weg mit Baum" oder "Haus". Es war klar: Heute wird es deutlich kniffliger.

Der erste Abschnitt führte uns nach Biberach, wo zusätzlich eine Präzisionslandung gewertet werden sollte. Das Landefeld ist dabei 50 Meter lang, die "Null-Box" nur drei Meter. Hier ohne Strafpunkte aufzusetzen, ist Feinarbeit mit Höhenruder und Fahrtmesser.
Der Wind machte es uns nicht leichter: Deutlich stärker als geplant, zwang er uns auf einigen Streckenabschnitten zu Minimalfahrt und ausgeprägten S-Kurven, um nicht zu früh am Wendepunkt anzukommen. Kursabweichungen sind nur begrenzt erlaubt, also lieber sauber schlenkern als zu früh durchs Tor.
Wolfgang flog erneut äußerst souverän, und auch die Ziellandung in Biberach gelang ihm trotz kräftigem Rückenwind sehr ordentlich. Schade nur, dass dieser Landewettbewerb später wegen des zu starken Rückenwinds für alle annulliert wurde.
Planung im Cockpit und griechische Buchstaben am Boden
Nach kurzer Pause, schnell etwas essen, kurz mit Mia sprechen, die mit anderen Besuchern nach Biberach gekommen war, ging es zurück zum Flugzeug.
Erst dort realisierten wir: Die Pause war um 30 Minuten verlängert worden, die Startzeit aber gleich geblieben. Das bedeutete: Aufgabe erst kurz vor Abflug in die Hand, dafür weniger Zeit zum Planen, und das alles im vergleichsweise engen Cockpit statt am großzügigen Tisch.

Zu Karten, Zeiten und Streckenbildern kam nun eine weitere Disziplin hinzu: die Bodenzeichen. Entlang der Strecke lagen große, orangefarbene Markierungen am Boden, etwa drei mal drei Meter groß, mit Zeichen wie aus dem griechischen Alphabet. Diese mussten zusätzlich entdeckt und korrekt notiert werden. Wer schon einmal aus typischer Flughöhe auf einen Pkw hinuntergeschaut hat, weiß, wie klein das alles wirkt - und zu tief fliegen gibt natürlich auch Strafpunkte.
Erneut flogen wir rund 90 Minuten hochkonzentriert durch die Allgäuer Landschaft, suchten Bilder, Zeichen und Wendepunkte, und versuchten, Zeit und Kurs in den engen Toleranzen zu halten. Die Abschlusslandung in Leutkirch war dann zumindest aus Wettbewerbssicht nicht unsere Glanznummer: Wir setzten mehr als zehn Meter vor dem Landefeld auf, was uns die maximale Strafpunktzahl im Landefeld bescherte. Fürs Ego war es verschmerzbar, für die Wertung natürlich weniger.
Logger und Lösungsbogen gaben wir routiniert ab, die C42 wurde wieder ordentlich gesichert. Danach stand Entspannen auf dem Programm. Gruppenfoto, ein paar Ansprachen, dann ein wirklich hervorragendes Buffet rundeten einen langen Wertungstag ab.

Plätze, Pokale und ein strahlendes Team
Bei der Siegerehrung konnten wir uns über einen starken vierten Platz unter 18 Newcomer-Teams freuen. Für ein Team, das seinen allerersten Wettbewerb flog, dazu mit viel Improvisation, ist das ein Ergebnis, auf das wir durchaus stolz sind.
Thomas und Gaby schlugen sich in der FK9 ebenfalls sehr respektabel; gemeinsam konnten wir zeigen, dass der LSV Roßfeld auch im Navigationssport eine gute Figur macht, egal ob mit Vereins-UL oder privater FK9.

Heimflug und Happy End am Roßfeld
Am Sonntagmorgen hieß es dann Abschied nehmen von Leutkirch. Wir bauten unser Zelt-Hotel ab, verabschiedeten uns von den neu gewonnenen Bekanntschaften und machten die Flieger startklar.
Der Rückflug zum Heimatplatz verlief entspannt. Zeit, die vielen Eindrücke noch einmal Revue passieren zu lassen. Wie es sich gehört, endete unser kleines Abenteuer am Roßfeld mit dem obligatorischen Putzen der C42.


Unterm Strich bleibt ein Wochenende voller fliegerischer Herausforderung, viel Lernkurve, Camping-Spaß und einem klaren Fazit: Navigationsflüge wie der Allgäuflug sind eine perfekte Mischung aus Sport, Training und Gemeinschaft und ganz sicher nicht unser letzter Wettbewerb, zumal Mia bereits ihr Interesse angemeldet hat, beim nächsten Mal als Navigatorin einzusteigen.

